Auf Einladung der J.K.F. nahm eine achtköpfige Gruppe unter der Reiseleitung von Erhard Kellner an einem internationalen Kata-Seminar teil, welches in Sendai speziell für Nicht-Japaner veranstaltet wurde. (1997)

 
Mit 210 km/h saust der Schinkansen über die Lande

Die Haupt-Einkaufsstraße erstreckt sich über mehrere Häuserblocks und ist vollkommen überdacht!

Spiegeltraining einmal anders. Weil die Sporthalle nicht frei war, wurde das Training am zweiten Tag kurzerhand ins Freie auf Pflastersteine verlegt.
Man beachte die weiße Socke von Seiwa Kai-Präsident Shuji TASAKI, die wohl nach diesen knapp drei Stunden durchgescheuert war.

Sendai - Japan

Insgesamt 24 Stunden dauerte unsere Anreise, die nur noch von unserer Rückreise mit knapp 25 Stunden übertroffen wurde.

Mit der Lauda Air am 2. August von Wien Schwechat nach Frankfurt und weiter mit der JAL (Japan Airlines) nach Tokio. Von Narita, dem Flughafen Tokios, welcher von der japanischen Hauptstadt knapp eine Eisenbahnstunde entfernt liegt, brachte uns ein Regionalzug nach Ueno. Es sei zu bemerken, dass Japans Regionalzüge weit ruhiger laufen als Österreichische Inter- oder Eurocity.

Ueno ist eine der um Tokio herum liegenden Schinkansen-Stationen. Der Schinkansen ist Japans Superschnellzug, welcher mit 210 km/h Spitze durch die Täler saust.

Mit diesem Jet auf Schienen ging es also 350 km Richtung Norden nach Sendai. Während dieser knapp zwei Stunden bekommt man allerdings nicht viel mehr zu sehen als Reisfelder und verbaute Flächen - und jede Menge Golf-Stadien.

Laut Reiseführer ist Sendai ein "dynamisch aufstrebendes und hübsches Gemeinwesen, das zuversichtlich in die Zukunft blickt".

Also wer diesen Absatz verfasst hat, hat sich nicht viel Zeit für dieses "Gemeinwesen" genommen.

Zugegeben, in der kurzen Zeit, die wir vor und nach dem Seminar und dem Wettkampf hatten, konnten wir auch nicht allzu viel entdecken, zumal die Sehenswürdigkeiten im zweiten Weltkrieg weggebombt wurden. Aber allein der Hauptbahnhof ist für Österreichische Verhältnisse ein Monsterbauwerk.

Ungefähre Vergleichswerte bieten viermal Wien-West und Shopping City in einem. In einer Zwischenetage sind Schätzungsweise 100 kleine und kleinste Lokale untergebracht, wo es von Sushi und Sashimi bis zu ausgezeichneter italienischer Pizza alles gab.

Unweit vom Sendai Hauptbahnhof führt eine vollkommen überdachte und zur Fußgängerzone erklärte Einkaufsstraße über vier oder fünf Häuserblocks.

Während sich die hier schauenden und kaufenden Japaner sehr diszipliniert und ruhig verhalten, machen die Marktschreier, und deren gibt es viele, um so mehr Lärm.

Feilgeboten wird hier so ziemlich alles. Vom Fächer bis zum 25.000,- ATS Kimono, vom Tamagotschi bis zum Handy für den Stadtbereich.

Mc Donalds und Mr. Doughnuts sind hier ebenso vertreten wie Miso-Lokale und Sushi-Bars. Mitunter kann es sein, dass man sich die Sushi Portionsweise auf kleinen Tellern von einem Förderband nimmt, welches ununterbrochen im Kreis läuft und die verschiedensten Variationen von rohem Fisch vorbeitransportiert.

Abgerechnet wird nach der Anzahl der gesammelten Teller. Der Preis richtet sich nach der Farbe bzw. dem Muster der Teller.

Vom 6. bis 8. August fand in Sendai und anderen japanischen Orten das Tanabata Matsuri statt. Man sagt, zwei Sterne, Kengyu und Shokujo, sind von der Milchstraße getrennt, treffen sich aber einmal im Jahr um diese Zeit. Das Rendezvous der "himmlischen Liebenden".

Nun gut - am Tag der Anreise haben wir das alles noch nicht gesehen. Es war vollkommen dunkel, wir waren hundemüde und wollten nur endlich unsere Unterkunft finden. Dazu mussten wir also rein in die U-Bahn und ab nach Tomizawa einen kleinen Vorort von Sendai. Klein ist gut, St. Pölten ist ein Nest gegen Tomizawa. Die Ticket-Automaten für die U-Bahn haben wir Gott sei Dank, trotz japanischer Beschriftung der Automaten und englischer Beschriftung der Stationen schneller durchschaut, als es in Wien möglich wäre.

Von der U-Bahnstation in Tomizawa waren es dann noch 20 Geh-Minuten zu der Jugendherberge in der wir für japanische Verhältnisse sehr günstig untergebracht waren.

Nicht nur günstig, sondern auch angenehm waren die Zimmer. Wir hatten die Wahl zwischen westlichen Betten oder sogenannten Tatamizimmern.

Die Tatamizimmer sind mit Reismatten ausgelegt und werden nur mit Socken oder barfuss betreten. Die Schuhe wurden gleich beim Hauseingang mit bereitgestellten Hausschuhen getauscht.

Im Tatamizimmer wird auf dem Boden geschlafen. Nein, nicht auf dem kahlen Boden. Auf die Reismatte wird eine relativ feste Matratze gelegt, auf diese eine weichere, die mit einem Leintuch überzogen wird. Zum Zudecken steht ein weiteres Leintuch oder eine Daunendecke zur Verfügung. Der Polster ist mit geschnittenem Reisstroh gefüllt. Somit etwas härter als westliche Polster, passt er sich aber sehr gut an Schulter und Kopf an.

Ich selbst habe bis auf die letzten zwei Nächte immer traumhaft geschlafen. Da in den Zimmern und den Aufenthaltsräumen Klimaanlagen eingeschaltet sind und im freien ein extrem feuchtheißes Klima herrscht, habe ich mich entsprechend verkühlt.

Vor dem Seminar hatten wir zwei Tage Zeit.

Den ersten Vormittag verbrachten wir damit, zu Fuß das Meer zu suchen. Nachdem wir uns bei fast unerträglicher Hitze durch den Großstadtdschungel gekämpft hatten, mit viel Glück dem Labyrinth aus Bewässerungskanälen für die Reisfelder entkommen sind und es dann noch geschafft hatten, eine großräumig abgesperrte Baustelle zu umlaufen, gaben uns ein paar Einheimische auf die mit viel Gestik unterstütze Frage: "Sea..? Ocean..? Water..? Swim..?", die Antwort "Taxi!".

Wir folgten ihrem Tipp und legten die restlichen 10 km mit einem japanischen klimatisiertem Wagen zurück.

Am etwas schmutzigen Strand wurden wir mit einem herrlichen Blick auf künstlich angelegte Wellenbrecher aus Betondreiecken für die Mühen entschädigt.

Den zweiten Tag nützten wir für etwas Besinnlichkeit. Wir fuhren mit dem Zug etwa vierzig Minuten weiter nördlich nach Matsushima.

Matsushima ist einer der drei schönsten Orte Japans und liegt in einer herrlichen Bucht. Von dem Ort aus sieht man auf Hunderte kleine Inseln welche wir uns am Nachmittag von einem Rundfahrtschiff näher betrachteten. Am Vormittag aber besuchten wir den Zuiganji-Tempel. Eine traumhaft schöne Anlage. Aber wie überall: Tausende und Abertausende Japaner. Wer glaubt, dass das in Salzburg oder Wien schon große Horden von Japaner sind, der möge deren Heimat fernbleiben.

Wer von uns also, so wie ich, gedacht hatte, einen stillen Ort zum Meditieren zu finden, wurde bitter enttäuscht. Ich habe mein Glück später auf der Hauptinsel in der Matsushitabucht versucht, welche über eine Fußgängerbrücke zu erreichen ist, aber selbst dort waren so viele Menschen, dass ich gezwungen war, Ruhe und Zufriedenheit dort zu finden, wo wir eigentlich als erstes suchen sollten, nämlich in mir selbst.

Die nächsten beiden Tagen waren gekennzeichnet von Kihon und Kata. Das JKF Goju Kai - Kata Seminar wurde speziell für Nicht-Japaner veranstaltet. Neben Teilnehmern aus Singapur, Hong Kong und Großbritannien, war auch ein Mann aus Kalifornien mit von der Partie. Dieser Herr besitzt eine Bäckerei, in der Arnold Schwarzenegger sein Gebäck kauft.

Beim ersten Training war unsere Psyche zwar der Ansicht, wir hätten um 9 Uhr Vormittag begonnen, unser Körper, oder zumindest der meine, war aber fest davon überzeugt, dass es erst zwei Uhr morgens war.

Trotz dieser Anfangsschwierigkeiten überstanden wir den ersten Dreistundenblock dank einer fünfminütigen Pause zur Halbzeit ausgezeichnet.

Noch einmal zweieinhalbe Stunden am Nachmittag und die Sache war gelaufen. Die Erkenntnis des ersten Tages: Wir im Westen trainieren eindeutig zu wenig Grundschule und wir legen viel zu wenig wert auf die Genauigkeit der Ausführung einer Technik. Wir sind wohl sehr gerne bereit, etwas neues anzunehmen solange wir uns langsam bewegen, sobald wir aber Tempo machen sollen, fallen wir in alte Bewegungsmuster zurück wie trotzige Kinder.

Die Erkenntnis nach dem zweiten Tag, wir trainieren eindeutig zu wenig Grundschule und wechseln viel zu schnell zu höheren Katas.

Das genaue Einhalten der Bewegungsrichtung bzw. der Fußstellungen hat nicht nur mir als einzigem Braungurt unter lauter Dan-Trägern Schwierigkeiten bereitet sondern war quer durch die Bank eine Schwäche der Seminarteilnehmer. Ich will damit nicht behaupten, das wir lauter Nullen waren. Was ich damit sagen möchte, ist, dass die Toleranz dessen was "genau" und was "ungenau" ist, in Japan wesentlich kleiner ist.

Ein weiteres, was uns an diesem Seminar fasziniert hat, war das Durchschnittsalter, mit dem unsere Trainer noch aktiv unterrichtet haben. J.K.F.- Präsident Mori hat sich am ersten Tag bei der Begrüßung dafür entschuldigt, dass er nicht im Gi kommen konnte, da sein Gebäck noch nicht im Hotel angekommen war. Ich schätze diesen Mann auf etwa 70 Jahre oder älter.

Die folgenden zwei Tage waren dem Internationalen JKF-Goju Kai Tournament gewidmet, bei dem Georg Wegscheider und Doris Gwinner (NÖ) und Michael Loidl (OÖ) am Start waren. Etwa 1.000 Sportler zeigten auf 11 Kampfflächen ihr Können.

Dabei hat sich dann allerdings gezeigt, das der größte Teil der japanischen Sportler auch nur mit Wasser kocht. Allerdings besitzen die Japaner weit mehr Nationalstolz und so flogen sämtliche Europäer (inkl. 2 Deutsche) in der ersten Runde aus dem Bewerb.

Die restlichen zwei Tage verbrachten wir mit Einkaufsbummel und Relaxing. Alles in allem mussten wir feststellen, dass das moderne Japan sehr anstrengend ist, dass sich eine Reise in das Kindheitsland des KARATE aber allemal lohnt. 

 

Japan-Klischees, die überholt sind!

Alle Japaner können Karate:

Die meisten Japaner wollen von Kampfsport nichts wissen. Die einzige Kampfsportliteratur bekamen wir in Tokio am Flughafen zu Gesicht.

Asiatinnen sind hübscher als Europäerinnen:

Das ist ein Märchen. Der Prozentsatz an hübschen Japanerinnen ist gleich wie der Prozentsatz an hübschen Europäerinnen. Wie hoch dieser Satz ist, ist Geschmackssache

Alle (jungen) Japaner sind schwarzhaarig:

Es gibt bereits blonde, blauhaarige, rote, brünette, grüne Japaner. Die Angelegenheit ist sehr gewöhnungsbedürftig. Am schlimmsten sind aber braungebrannte japanische Blondinen

Die Japaner sind klein:

Auffällig ist der Größenunterschied nur bei den Frauen, was aber oft nur so wirkt, weil Japanerinnen sehr zart gebaut sind. Japanische Männer können mitunter jedes österreichische Basketballteam verstärken.

Japaner essen immer rohen Fisch

Rohen Fisch ist man wahrscheinlich in Japan mit ähnlicher Häufigkeit wie wir Hühnchen essen. Zwar gerne aber nicht alltäglich.

Japaner sind schlank

Dort wo sie mit westlichem Essen zusammenkommen (Mc Donalds, Mr. Doughnuts usw.) neigen sie genauso zu Übergewicht wie wir.

Japaner sind viel disziplinierter

Das ist das einzige Klischee, daß sich bestätigt hat. In den U-Bahnen und Zügen wird nichts mutwillig beschädigt, geraucht wird nur in den äußerst kleinen Raucherzonen und Abfall wird in Japan maximal in einen Mistkübel geschmissen.